Holocaustgedenktag 27.01.2008
Gedenkveranstaltung der „Initiative 27. Januar“ in der Hans-Seidel-Stiftung
München
Einführende Gedanken
von Harald Eckert
Sehr geehrte Ehrengäste, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitchristen!
Zum vierten Mal in Folge veranstalten wir am 27.Januar in München eine Veranstaltung im Rahmen des von Bundespräsident Roman Herzog 1996 in Deutschland und 2005 auf EU-Ebene etablierten Holocaustgedenktages. Was sind unsere Beweggründe dafür im Allgemeinen und was führte uns zur Wahl des heutigen Themas? Diese zwei Fragen möchte ich einführend ansprechen.
Zur 1. Frage möchte ich drei Quellen anführen, aus denen sich die Motivation unserer Initiative speist: Die erste Quelle ist humanitärer Art, die zweite historischer und die dritte geistlicher Art.
Als Menschen berührt uns die Not anderer Menschen. Wir wissen uns somit eins mit allen anderen Bürgern, Organisationen und Initiativen unserer Stadt und Region, die aus diesem humanitären Empfinden heraus Mitgefühl und Solidarität gegenüber verfolgten Minderheiten an den Tag legen und entschieden gegen Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Intoleranz tätig werden.
Die zweite, die historische Antriebsfeder trägt der Tatsache Rechnung, dass kein Volk über die Jahrtausende hinweg so viel Leid und Not erlebt hat, wie das jüdische Volk – gerade im sogenannten christlich-europäischen Abendland. Der Völkermord in der Nazizeit als übelste Frucht dieser Vorgeschichte steht einzigartig in der Menschheitsgeschichte dar. Die Folgen davon wirken bis heute nach, wie wir noch hören werden. Hinzu kommt, dass es auch heute noch kein anderes Volk und Land auf Erden gibt, dass nach wie vor derart aggressiv und unverblümt mit seiner Vernichtung bedroht wird, wie Israel und das jüdische Volk. Unsere Überzeugung ist: Gerade als Deutsche sind wir dieser historischen Verantwortung verpflichtet. Und unsere Bereitschaft, aus der Geschichte zu lernen, zeigt sich nirgendwo deutlicher, als an der Frage, inwieweit wir aktuelle Bedrohungen antisemitischer und antiisraelischer Art erkennen und ihnen entschlossen entgegentreten.
Die dritte Quelle unserer Motivation ist eine spezifisch christliche. Als Christen sind wir in einzigartige Weise mit dem jüdischen Volk verbunden. Jesus ist Jude. Die Bibel – Altes wie Neues Testament - ist fast vollständig ein jüdisches Buch. Die Siebentagewoche, die Zehn Gebote, die zwölf Apostel – alles das und vieles mehr sind Geschenke Gottes an die Menschheit durch das jüdische Volk. Niemand sollte das besser zu würdigen wissen, als wir Christen. Paulus geht im Römerbrief Kapitel 11 soweit, festzustellen, dass wir Christen aus den nichtjüdischen Völkern in die Heilsgeschichte Gottes mit dem jüdischen Volk eingegliedert sind, „eingepfropft“ in den Ölbaum Israel, wie es dort heißt. Aus dieser besonderen Beziehung heraus ergibt sich für uns eine besondere Verantwortung und Motivation.
Wie kam es auf diesem Hintergrund zur Wahl des heutigen Themas:
„Die heutige Lage der Holocaust-Überlebenden: Ihr Schicksal – unsere Verantwortung?“
Im April 2007 las ich in der Süddeutschen Zeitung einen kurzen aber
für mich sehr aufwühlenden Beitrag unter der Überschrift: „Die
vernachlässigten Opfer“. Unter anderem war darin zu lesen:
„Am Holocaust-Tag zu Beginn dieser Woche ... wurde ... ein Film über die
traurige Wahrheit im israelischen Alltag der Holocaust-Überlebenden (gezeigt).
In Israel leben noch etwa 250.000 Menschen, die der Mordmaschinerie der Nationalsozialisten
entkommen sind. ... Einer Studie des israelischen Holocaust-Dachverbandes zufolge,
die am Tag der Ausstrahlung des Films diese Woche veröffentlicht wurde,
erhalten von den in Israel wohnenden Schoah-Überlebenden nur 30.000 eine
monatliche Rente – von gerade mal 250 Euro. Insgesamt 80.000 Holocaust-Opfer
leben laut Film und Studie unterhalb der Armutsgrenze.
Nathan Durst von der israelischen Vereinigung „Amcha“, die den Überlebenden psychosoziale Unterstützung anbietet, ist erbost: „Es ist absolut inakzeptabel, dass sich Holocaust-Überlebende in Israel täglich zwischen Essen und Medikamenten entscheiden müssen... .“
Soweit das Zitat aus der Süddeutschen Zeitung.
Dieser Bericht, und manche ergänzende Einzelheiten, die wir in den folgenden Monaten aus der Presse und anderen Quellen verfolgen konnten, ließen mir sowohl in meiner Arbeit auf deutscher und europäischer Ebene als auch uns als Münchner Initiative keine Ruhe mehr. Wir spürten: Wir müssen unseren Teil dazu tun, auf die Not dieser Menschen aufmerksam zu machen und Wege der praktischen Hilfe anzustoßen. Sie werden immer weniger. In einigen Jahren haben wir keine Chance und Gelegenheit mehr Zeichen des Mitgefühls und der Fürsorge zu setzen.
So entschieden wir uns schließlich, uns den erwähnten Film zu besorgen und auf Dr. Nathan Durst zuzugehen. Dr. Durst haben wir schon begrüßt und werden ihn gleich hören. Vorab wollen wir noch aus dem erwähnten Film einige Ausschnitte von insgesamt etwa 7 Minuten zeigen, vorwiegend solche, in denen einige Überlebende selbst zu Wort kommen.
Der Film heißt auf Englisch „Paying for Justice“, was etwa so viel bedeutet wie „Für Gerechtigkeit bezahlen.“ Ich bitte darum, diese Ausschnitte jetzt einzuspielen. Ich werde von hier aus versuchen, möglichst synchron die Deutsche Übersetzung vorzulesen. Nach dem Abschluss dieses Filmbeitrages möchte ich die Musiker des St. Anna-Schulverbundes um den nächsten Beitrag bitten, ehe dann Dr. Durst zu ihnen sprechen wird.