60. Jahrestag der
Befreiung des KZ Auschwitz
Öffentliche
Gedenkveranstaltung am 27. Januar 2005 im Sophiensaal der Oberfinanzdirektion
in München.
Einführende Rede von
Harald Eckert
Sehr
geehrter Herr Dr. Jäger,
sehr
geehrter Herr Chmiel,
sehr
geehrte Damen und Herren!
Heute
vor genau sechzig Jahren wurde das Konzentrationslager in Auschwitz
befreit. „Auschwitz“ wurde nach dem 2.
Weltkrieg weltweit zum Synonym für das schrecklichste Verbrechen der
Menschheitsgeschichte – dem staatlich organisierten, industriell betriebenen
Massenmord an 6 Millionen jüdischer Menschen, dem Holocaust, der Schoah.
Als
in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg das ganze Ausmaß des Völkermords am
europäischen Judentum bekannt wurde, schallte ein universelles, einhelliges
„Nie wieder!“ durch die gesamte zivilisierte Welt.
Auf
diesem Hintergrund entschied sich der Völkerbund (aus dem später die „Vereinten
Nationen“ hervorgingen) am 29. November 1947 mit Zweidrittelmehrheit für die
Staatsgründung Israels. Diese wurde am 14. Mai 1948 vollzogen. Die Gründung des
Staates Israel war die folgerichtige historische Antwort auf die Katastrophe des europäischen
Diaspora-Judentums wenige Jahre zuvor.
40
Jahre nach Kriegsende, 1985, sagte der damalige Bundespräsident, Richard von
Weizsäcker: „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für
die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird
wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“
Zehn
Jahre später, zum 50. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz richtete der
damals amtierende Bundespräsident Roman Herzog aus eben dieser historischen
Verpflichtung heraus den 27. Januar als jährlichen Holocaustgedenktag ein. 13
weitere europäische Staaten machten sich bis 2004 diesen Gedenktag ebenfalls zu
eigen.
Sehr
geehrte Damen und Herren,
vielleicht
fragen sich Einzelne unter uns, ob dieses fortwährende erinnern und erinnert
werden an dieses dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte und an den tiefsten
Abgrund der jüdischen Leidensgeschichte nach wie vor wirklich notwendig sei.
Auf jeden Fall stellen viele – meines Erachtens zu viele – unserer Mitbürger
solche oder ähnliche Fragen. Die Sehnsucht nach dem berühmten „Schlussstrich“
wächst rapide. Ich sage es Ihnen ganz offen: Ich halte diese Tendenz für eine große,
für eine sehr große Gefahr! Ich möchte drei von vielen Gründen nennen, warum:
1)
Nach allen historischen
Erfahrungen ist der Antisemitismus ein geistiger Virus von großer
Überlebenskraft, Anpassungsfähigkeit und Ansteckungsgefahr. Dieser Virus lebt
heute noch – und er lebt mitten unter uns, in Deutschland, in Europa. Er hat
sich teilweise verändert, hat neue Argumentationsmuster, Klischees und
Ausdrucksformen entwickelt. Doch egal ob „alter“ oder „neuer“ Antisemitismus:
Der Virus ist virulent und durchseucht nahezu alle Schichten unserer
Gesellschaft. Eine aktuelle Studie der Universität Bielefeld, die im Dezember
2004 veröffentlicht wurde kommt zu dem Ergebnis, dass 20 bis 25% der Deutschen
latent antisemitisch eingestellt sind. Die renommierte Heinrich-Böll-Stiftung
warnte im Juli 2004 vor (ich zitiere) „zunehmenden antisemitischen
Ressentiments in allen deutschen Bevölkerungskreisen“ (Zitat Ende). Die
„Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit“ sah sich aufgrund des
wachsenden Antisemitismus in zahlreichen Ländern Europas – einschließlich
Deutschland - veranlasst im April 2004 ein Sonderkonferenz eigens zum Thema
„Antisemitismus“ einzuberufen. Also – Grund Nr 1 für die Notwendigkeit des
„erinnerns und erinnert werden“: Antisemitismus in Deutschland ist kein
Phänomen der Vergangenheit, sondern ein Phänomen der Gegenwart – in der Mitte
unserer Gesellschaft und mit steigender Tendenz.
2)
Es gibt Aspekte des
sogenannten „neuen“ Antisemitismus, welche die Legitimation und
Existenzberechtigung des Staates Israel fundamental in Frage stellen.
Insbesondere in den Medien wird der Staat Israel und / oder deren
Repräsentanten mal subtil mal offen als unmoralisch, machthungrig, grundlos
gewalttätig und gewissenlos dargestellt. Es hängt unter anderem mit dieser Tendenz
in Teilen der Medien zusammen, dass gemäß einer von der EU in Auftrag gegebenen
Untersuchung im November 2003 festgestellt wurde, dass 65% der Deutschen den
Staat Israel als die derzeit größte Bedrohung des Weltfriedens sehen. Eine
andere seriöse Untersuchung einer deutschen Universität, die im November 2004
veröffentlicht wurde, besagt, dass 52,1 % der Deutschen glauben, dass der Staat
Israel mit dem Palästinensern in gleicher Weise umgingen, wie die Nazis mit dem
Juden umgegangen sind.
Am vergangenen Montag gab es eine Sondersitzung der Vereinten Nationen. Anlass war der gleiche, wie der Anlass, der uns heute hier zusammengebracht hat: Das Gedenken an den Holocaust. Zu diesem Anlass hielt unser Außenminister, Joschka Fischer, eine Rede vor der Vollversammlung. Unter andere sagte er (Zitat): „Es ist die Verantwortung für die Schoah, die Deutschland ganz besonders gegenüber dem Staat Israel verpflichtet ... Das Existenzrecht des Staates Israel und die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger wird immer unverhandelbare Grundposition deutscher Außenpolitik bleiben.“ (Zitat Ende)
Ich frage Sie jedoch: Wird sich eine solche
Grundposition auf Dauer halten in einem
gesellschaftlichen Klima mehrheitsfähiger, fundamentaler Israelfeindlichkeit? Einer Israelfeindlichkeit,
die zunehmend den Boden der legitimen
demokratischen Meinungsverschiedenheiten verlässt und sich in
Vorurteilen und Klischees ergießt, die in ihrer Realitätsferne und
Pauschalisierung klassischen Antisemitismen in nichts nachstehen? Ich denke,
hier ist höchste Wachsamkeit gefordert. In anderen Worten: Wir müssen erinnern
und erinnert werden, damit die dumpfen antisemitischen Instinkte und Neigungen
unseres Volkes, die sich seit Generationen gegen Juden und das Judentum im
Allgemeinen gerichtet haben, heute nicht in vergleichbarer Weise und
Größenordnung gegen den Staat Israel richten.
3) Ein dritter Grund für die Notwendigkeit der
bleibenden Sensibilisierung und
Wachsamkeit gegenüber der tödlichen und gegenwärtigen Gefahr des Antisemitismus
ist die Zunahme islamischer Ausdrucksformen das Antisemitismus – eine Gefahr,
die vor allem Israel bedroht, aber auch unsere westlichen, demokratischen
Gesellschaften, wie wir zum Beispiel erst kürzlich bei unseren holländischen
Nachbarn beobachten konnten. Dazu wird in dem nachfolgenden Film mehr gezeigt
werden.
Sehr
geehrte Damen und Herren,
es
sind Alarmsignale, wie diese, die uns als „Initiative 27. Januar“
zusammengeführt und in Bewegung gesetzt haben. Sie haben sich vielleicht im
Vorfeld dieser Veranstaltung gefragt, wer sich hinter diesem Etikett verbirgt.
Der Anstoß für diese Initiative kam von engagierten Christen katholischer,
evangelischer und freikirchlicher Prägung, die auf unterschiedliche Weise im
jüdisch-christlichen Dialog und Versöhnungsdienst stehen. Hinzu kamen weitere
Bürger aus dem Großraum München unterschiedlicher religiöser und politischer
Überzeugungen aber gleichermaßen sensibilisiert gegenüber der Bedrohung des
Antisemitismus, Antiisraelismus und Rassismus – nicht nur in der Vergangenheit
sondern gerade auch in der Gegenwart. Diese Veranstaltung heute ist unsere
erste gemeinsame Aktion.
Ich
schließe mit einigen Hinweisen zu dem Film „Wider das Vergessen“, den wir in
wenigen Momenten sehen werden:
Der
Produzent, Johannes Facius ist Dänischer Theologe und Buchautor und lebt seit
etwa 15 Jahren in Deutschland. Er bekam den Anstoß zur Erstellung dieses Films
durch die Terroranschläge des 11. September 2001 in den USA. Osama bin Laden
erwähnte damals in einem seiner Videobotschaften den zentralen Grund für die
Terroranschläge: Die Freundschaft der USA und insbesondere des damals neu
gewählten amerikanischen Präsidenten George W. Bush Israel gegenüber. Der Film
möchte Menschen der westlichen Gesellschaften zwei Dinge deutlich machen:
1)
Er möchte die tiefe
Geistesverwandschaft zwischen dem faschistischen und dem islamischen
Antisemitismus aufzeigen.
2)
Er möchte den Menschen
der westlichen Gesellschaft nahelegen, aus der Geschichte zu lernen, dass es
sich nicht lohnt wegzusehen oder mit den jeweils aktuellen Ausdrucksformen des
Antisemitismus faule Kompromisse einzugehen.
Der
2003 produzierte Film „Wider das Vergessen“ wurde inzwischen in 7 Sprachen
übersetzt und erlebte Aufführungen im Britischen Parlament, gestern Abend im
EU-Parlament in Brüssel, sowie in vielen Hundert Kirchen, Synagogen und
öffentlichen Versammlungen auf allen fünf Kontinenten.
Sehr
geehrte Damen und Herren,
der
UN-Generalsekretär Kofi Annan sagte bei seiner Rede am vergangenen Montag bei
der besagten Sondersitzung der UN-Vollversammlung: „Alles was das Böse
benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“ Dieser
treffliche Satz bildet eine passende Überschrift zu dem nachfolgenden Film und
zum heutigen Abend.
Ich
bete und hoffe, dass dieser Abend mit dazu beiträgt, dass möglichst viele unter
uns inspiriert und ermutigt werden, der realen Gefahr einer sich abermals entwickelnden schweigenden oder
fehlgeleiteten Mehrheit in unserem eigenen, deutschen Volk hinsichtlich
aktueller Ausdrucksformen des Antisemitismus mit Mut und Zivilcourage
entgegenzutreten. Auf dass sich unser gemeinsames Bekenntnis zum „Nie wieder!“
60 Jahre nach Auschwitz, in der ersten wirklich ernsthaften Bewährungsprobe der
Nachkriegszeit, gerade hier in Deutschland nicht als oberflächliches
Lippenbekenntnis erweist, sondern als eine historische Chance, diesem
Bekenntnis Taten folgen zu lassen.
In
diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen bereichernden Abend und danke Ihnen
für Ihre Aufmerksamkeit.