Gedenken – Versöhnen – Verantwortung tragen:
Auschwitz als Mahnung und Auftrag

Friedrich Aschoff, Ehrenvorsitzender der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in Deutschland

I. Dank für den ersten Yad-Vashem-Tag vor einem Jahr hier an dieser Stelle.

Mir wurde bewusst, wie wichtig es ist, zu erinnern und zu gedenken. Der Oberrabbiner von Jerusalem, Rabbiner Lau sprach in seiner Rede von drei Fehlern, die die Juden nach dem Holocaust bzw. der Shoah gemacht hatten:

Die Yad-Vashem- Gedenkstätte in Jerusalem hält auf eindrucksvolle Weise gerade die Namen der Opfer in Erinnerung. Viele Besucher bekommen dort  einen Eindruck von dem wahren Umfang des Geschehens.


II. Das Problem von Schuld und Versöhnung:

1. Eine Klärung: Gibt es eine kollektive Schuld?
Diese Frage wurde nach dem 2. Weltkrieg sehr emotional und hitzig diskutiert. Ich kann mich noch an erregte Gespräche im Elternhaus zwischen meinen älteren Brüdern und meinem Vater erinnern.
Entscheidende Hilfe kam schließlich von jüdischer Seite. Viktor Frankl, der im KZ Türkheim, einem Außenlager von Dachau überlebt hat, hat ausdrücklich vor diesem Denken gewarnt. Er hat es als Nazi-Ideologie bezeichnet, die ganze Familien und Gruppen kollektiv unter Schuld stellte. Er sagte  in einer Rede am 27 April 1985 bei seiner Türkheimer Rede:
Schuld kann nur persönliche Schuld sein – Schuld für das, was einer selbst getan oder auch unterlassen hat, was er zu tun verabsäumt hat.“ … Er hat auch um Verständnis für die schuldig gewordenen geworben: „Diejenigen, die im Lager waren, urteilen im allgemeinen viel milder als etwa die Emigranten, die ihre Freiheit retten konnten, oder diejenigen, die erst viele Jahre später zur Welt gekommen sind.“
Der berühmte Rabbiner Leo Baeck, hat schon 1945 (!)  ein Gebet um Versöhnung verfasst, in dem er ausdrücklich sagt: Nur das Gute soll zählen! Vgl. Philosoph  Spinoza „“Alles, was hervorragend ist, ist ebenso selten vorzufinden wie es schwer ist zu tun“. Viktor Frankl, „Die anständigen Menschen sind immer in der Minorität,  sie sind es immer gewesen und werden es auch immer bleiben.“ Aber auf diese Minoritäten kommt es gerade an!
Noch einmal: Gibt es kollektive Schuld? Nein! Aber es gibt eine kollektive Last  der Geschichte, die es gemeinsam zu tragen gilt. Zu dieser Last einer verbrecherischen Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands müssen wir uns stellen und dürfen und wollen uns nicht entziehen.

2. Versöhnung ist ein Schlüsselwort der Bibel, nicht nur des Neuen Testamentes, auch schon in der Thora und bei den Propheten.

Darauf haben wir uns in den Versöhnungswegen, die im 50. Jahr nach Kriegsende stattfanden bezogen. In einer Anleitung für solche Begegnungen heißt es: „Die Toten können wir nicht mehr um Vergebung bitten. Und die Lebenden können nicht an ihrer Stelle antworten, sondern nur für sich selber und ihre Familien. Unsere Bitte richtet sich daher zuerst an Gott, der der Herr über Lebende und Tote ist und der allein vergeben kann…“.
Überall auf den Versöhnungswegen wurde unsere Bitte um Vergebung mit Bewegung angehört. Vielfach wurde sie auch dankbar angenommen. Manchmal sehr konkret beantwortet. Wo unsere Sprache nicht ausreichte, dort haben die mitgebrachten Zeichen gesprochen: Brot, Wein und Salz. Sie wurden als Zeichen der Versöhnung, der Freundschaft und des Friedens  verstanden.
Wir wissen, dass die Versöhnungswege dabei in einer Linie mit vielen anderen Initiativen der Versöhnung stehen: Aktion Sühnezeichen, Taizé – Versöhnungsarbeit um nur zwei zu nennen.
Wir haben dabei begriffen, dass das Wort Gottes auch uns heute gilt:
„Wenn mein Volk, über das mein Name genannt ist, sich demütigt, dass sie beten und mein Angesicht suchen und sich von ihren bösen Wegen bekehren, so will ich vom Himmel her hören und ihre Sünde  vergeben und ihr Land heilen.“  2. Chronik 7,14.    
Darin tragen wir auch Verantwortung.

III. Auschwitz als Mahnung und Auftrag

Auschwitz ist Mahnung und Auftrag zugleich. Wer als Deutscher Auschwitz besucht, das Lager Auschwitz I und dann auch Auschwitz-Birkenau, der spürt die schwere Last unserer Geschichte und dem verschlägt es die Sprache. Wir haben  es kaum gewagt, in Auschwitz deutsch zu reden, so tief hat uns das dort Geschehene betroffen.

Unsere Scham, Trauer, Entsetzen und Wut  müssen jedoch in eine Bahn gelenkt werden, die die Zukunft öffnet.

Wir sollten unseren Politikern Mut machen und sie darin unterstützen, dass sie ihre Verantwortung auf allen Ebenen wahrnehmen. Zugleich sollen wir dort, wo wir gefragt sind, mutig für Israel und die Juden eintreten.


Voraussetzungen für den Genozid:

Von Professor Dr. Diethard Aschoff, Universität Münster

  1. Der Holocaust brauchte eine Gesellschaft, in der eine scheinbar wissenschaftlich begründbare Judenfeindschaft latent in den meinungsbildenden Schichten vorhanden war.
  2. Der Mord brauchte eine Gesellschaft, in der eine Minderheit von etwa 1 Prozent der Gesamtbevölkerung noch nicht völlig integriert  und beruflich einseitig strukturiert war und sich zum Teil auf angesehenen Positionen vorfand: 10 % der Ärzte und 10 % der Rechtsanwälte waren Juden!
  3. Die Shoah brauchte ein Volk, das durch die Katastrophe des 1. Weltkrieges zutiefst verunsichert war, die Welt nicht mehr verstand und nach Sündenböcken suchte.
  4. Der Völkermord brauchte eine politisch-religiöse Heilslehre, die eine einfache Erklärung für alles am eigenen Schicksal Unverständlichen bot.
  5. Diese Heilslehre, die NS-Weltanschauung sah in der Minderheit der Juden die Verkörperung allen Bösen, die Drahtzieher hinter allen destruktiven Erscheinungen in der Welt und vermittelte den Glauben, dass nach deren Beseitigung das Paradies auf Erden möglich wäre.
  6. weiter brauchte der Holocaust eine von dieser Lehre voll überzeugte Bewegung, eine Partei, die die Macht im Staate gewann und ausbaute
  7. und einen „charismatischen Führer“, der bis in die letzte Faser seines Wesens vom Judenhass durchdrungen war, den Willen zur letzten Konsequenz hatte und die Macht ihn auch durchzusetzen
  8. und sich in der SS ein ihm fanatisch ergebenes Werkzeug schuf, den Völkermord durchzuführen
  9. und schließlich brauchte der Genozid eine Zeit, in der er – ohne dass  von Außen her Einfluss auf ihn genommen werden konnte –und durch die Umstände auch das immer noch nicht überzeugte Volk abgelenkt war
  10. Der Völkermord brauchte den Deckmantel des 2. Weltkriegs, auch deswegen weil nur in seinem Schatten und durch die Eroberungen der deutschen Wehrmacht eine fast Europa weite Lösung erstmals möglich war.

Hier stand der Weg nach Auschwitz offen.